Model Predictive Control (MPC) ist eine vorausschauende Regelung, die Wetterprognosen, Gebäudemodelle und Nutzungsprofile kombiniert, um Heizung, Kühlung und Lüftung über die nächsten Stunden zu planen — statt auf bereits eingetretene Abweichungen zu reagieren.
Was MPC von herkömmlicher Regelung unterscheidet
Klassische Gebäuderegelungen arbeiten reaktiv: Wenn die Raumtemperatur zu weit von der Solltemperatur abweicht, greift der Regler ein. Das funktioniert — aber es verschwendet Energie, weil zu früh oder zu spät reagiert wird, und es erzeugt Komfortschwankungen, weil die thermische Trägheit von Bauteilen ignoriert wird.
MPC denkt in Zeiträumen. Alle 15 Minuten berechnet ein Optimierungsalgorithmus den energetisch günstigsten Fahrplan für die nächsten 24 Stunden:
- Wie kalt wird die Nacht? Dann kann man heute Abend weniger heizen.
- Bringt der Morgen starke Sonneneinstrahlung? Dann macht präventive Kühlung Sinn.
- Startet die Belegung um 8:00? Dann beginnt die Aufheizphase um 6:15 — nicht um 5:00.
Wie MPC technisch funktioniert
1. Datenerfassung in Echtzeit
Sensoren im Gebäude liefern kontinuierlich den aktuellen Zustand: Raumtemperaturen, Luftfeuchte, CO₂-Konzentration, Vorlauftemperaturen, Energieverbräuche, Belegungszustände. Wetterdienste stellen stündliche Prognosen bereit: Außentemperatur, Globalstrahlung, Wind, Bewölkung.
Diese Datenpunkte werden zu einem Lagebild zusammengeführt — dem aktuellen Zustand des Gebäudes und seiner Umgebung.
2. Das thermische Gebäudemodell
Das Herzstück des MPC ist ein mathematisches Modell, das das dynamische Wärmeverhalten des Gebäudes beschreibt:
- Thermische Masse der Bauteile (Beton, Estrich, Außenwände)
- Solare Einträge durch Verglasung — orientierungsabhängig, stündlich variierend
- Interne Lasten aus Personen, Beleuchtung, EDV
- Anlagenkennlinien von Heizung, Kühlung, Lüftung
Das Modell wird aus Planungsdaten — idealerweise aus der thermischen Gebäudesimulation — erstellt und im laufenden Betrieb anhand realer Messdaten kalibriert. Ein Gebäude, das wir simuliert haben, startet mit einem bereits validierten Modell.
3. Optimierung über einen Planungshorizont
Ein Optimierungsalgorithmus — typisch ein quadratisches oder gemischt-ganzzahliges Programm — berechnet für jeden Optimierungszyklus:
Was ist der günstigste Weg, alle Komfortgrenzen einzuhalten?
Das Ergebnis ist kein einzelner Sollwert, sondern eine Sequenz: Was tut das System in den nächsten 24 Stunden, Stunde für Stunde? Davon wird der erste Schritt umgesetzt — dann beginnt der Zyklus neu.
Diese Methode heißt Receding Horizon Control und ist das Kernprinzip hinter MPC.
4. Nahtlose Integration in bestehende Automation
MPC ersetzt nicht die vorhandene Gebäudeautomation — es ergänzt sie um eine übergeordnete, vorausschauende Schicht. Die berechneten Sollwerte werden über Standardschnittstellen (BACnet, Modbus, OPC-UA) an die Gebäudeleittechnik übergeben. Das bestehende Automationssystem bleibt vollständig erhalten.
Einsparungspotenziale in der Praxis
In unseren neun aktiven Pilot-Anlagen messen wir 15 bis 22 Prozent weniger Energie für Heizung und Kühlung gegenüber konventioneller PID-Regelung — gemessen über zwei vollständige Heizperioden, nicht hochgerechnet. Ein konkretes Beispiel: Bürogebäude in Wien, 1.800 m² Nutzfläche, Heizperioden 2023/24 und 2024/25 — gemessene Reduktion 17 % bei gleichem Komfort. Höhere Werte (bis 40 %) sind in der Literatur dokumentiert, aber für Bestandsgebäude mit komplexer Nutzung selten realistisch. Wir kommunizieren das, was wir gemessen haben. Die Einsparung entsteht durch drei Effekte:
Thermische Masse nutzen statt überwinden — Schwere Bauteile werden nachts oder in günstigen Zeiten geladen, tagsüber gibt das Gebäude diese Energie ab. MPC plant das voraus, herkömmliche Regler ignorieren es.
Gleichzeitigkeit von Heizen und Kühlen vermeiden — In Gebäuden mit Zonen unterschiedlicher Orientierung oder Nutzung kann es vorkommen, dass gleichzeitig geheizt und gekühlt wird. MPC erkennt und vermeidet das systematisch.
Günstiger Strom nutzen — Bei dynamischen Tarifen oder PV-Eigenproduktion verschiebt MPC Lasten in Zeiten günstiger oder erneuerbarer Energie.
Wo MPC seine Stärken ausspielt
Bürogebäude — Die Belegung ist planbar, die thermische Trägheit von Betonkernaktivierung und Außenwänden ist hoch. MPC nutzt beides als Lastverschiebungs-Reserve.
Rechenzentren — Kühlenergie ist der größte Kostentreiber. MPC koordiniert Free Cooling, mechanische Kälteerzeugung und thermische Speicher — und garantiert dabei höchste Verfügbarkeit.
Gewerbe und Industrie — Lastspitzenmanagement senkt Netzentgelte signifikant. MPC verschiebt flexible Lasten gezielt außerhalb der Spitzenzeiträume.
Bildungsbauten — Belegung wechselt täglich und saisonal. MPC passt Lüftung und Temperierung laufend an den tatsächlichen Bedarf an.
Bestandsgebäude — MPC ist nachrüstbar. Neue Sensorik, ein Gateway zur Gebäudeautomation und ein Softwaresystem genügen — kein Austausch von Leitungen oder Geräten notwendig.
Unser Angebot
Wir begleiten Sie von der Machbarkeitsanalyse über die Modellentwicklung bis zum laufenden Betrieb. Durch unsere Erfahrung in der thermischen Gebäudesimulation bringen wir ein bereits validiertes Gebäudemodell mit — das beschleunigt die Implementierung und erhöht die Regelgüte von Beginn an.
Sprechen Sie uns auf Ihr Projekt an — MPC lohnt sich ab einer Gebäudegröße von ca. 2.000 m² Nutzfläche, weil unter dieser Schwelle der MPC-Implementierungsaufwand die jährliche Energie-Einsparung typischerweise nicht aufwiegt.
Was wir nicht machen
Wir empfehlen MPC nicht, wenn die Wirtschaftlichkeitsrechnung gegen die Anlagen-Restlebensdauer nicht aufgeht. Wir empfehlen MPC nicht für Gebäude unter 2.000 m², solange die typische Bestands-Anlage in Standard-Betrieb läuft. Wir empfehlen MPC nicht als „Imagebaustein” — wenn das eigentliche Energieproblem in der Gebäudehülle liegt, ist die Sanierung der bessere erste Schritt.
Was wir auch nicht versprechen: 30 oder 40 Prozent Einsparung. Solche Werte gibt es in der Literatur, aber selten in der Praxis von Bestandsgebäuden mit komplexer Nutzung. Wir zeigen Ihnen vor der Beauftragung den voraussichtlichen Korridor in einer Lifecycle-Rechnung — bestenfalls Mitte, schlimmstenfalls oben.
MPC in Ihrem Projekt?
Sprechen wir, bevor die ersten Pläne erstellt sind. Eine kurze Nachricht reicht — wir melden uns binnen eines Werktags.
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